Die Distanz entscheidet: Über 300 Meter und zwischen Gebäuden ist Singlemode OS2 gesetzt, im Serverraum bis 100 Meter genügt Multimode OM4.
Beim Aufbau einer Glasfaserinfrastruktur stellen sich Netzwerkplaner und IT-Verantwortliche früh die Frage: Singlemode oder Multimode? Beide Fasertypen leiten Licht, unterscheiden sich aber in Kerndurchmesser, Übertragungsstrecke, Komponentenkosten und Anwendungsfall deutlich. OS2, OM4 und OM5 stehen für klar definierte Standards nach IEC und ISO, kein Hersteller erfindet diese Kürzel frei. Wer den Unterschied kennt, plant zukunftssicher und vermeidet teure Nachrüstungen.
Das Grundprinzip: Kerndurchmesser bestimmt den Typ
Der entscheidende physikalische Unterschied liegt im Kerndurchmesser der Faser. Singlemode-Fasern haben einen sehr engen Kern von 9 Mikrometern. Das Licht folgt einem einzigen Ausbreitungsweg, daher der Name. Multimode-Fasern haben mit 50 Mikrometern einen deutlich breiteren Kern (OM4 und OM5), der mehrere Lichtwege gleichzeitig zulässt. Dieser Unterschied bestimmt Reichweite, Bandbreite und die nötige Sendetechnik.
Singlemode: ein Ausbreitungsweg, maximale Reichweite
Der enge Kern von 9 µm erzwingt, dass nur ein Lichtmodus die Faser durchläuft. Dispersion, also das zeitliche Auseinanderlaufen von Signalen, wird damit nahezu eliminiert. Das erlaubt Übertragungen über viele Kilometer bei Bandbreiten von 10 Gbit/s, 100 Gbit/s und darüber hinaus, ohne aktive Verstärker auf der Strecke.
Multimode: breiter Kern, mehrere Lichtwege
Im 50-µm-Kern breiten sich viele Lichtwege gleichzeitig aus. Das macht günstigere Sender auf VCSEL-Basis möglich (Vertical Cavity Surface Emitting Laser), erhöht aber die modale Dispersion: Bei langen Strecken überlagern sich die Moden und begrenzen die übertragbare Datenmenge. Multimode ist daher für kurze Distanzen optimiert.
Singlemode OS2: Stärken und typische Einsatzbereiche

OS2 bezeichnet den heute gebräuchlichen Singlemode-Standard nach IEC 60793-2-50. Das gelbe Kabelmantel ist das sicherste Erkennungsmerkmal im Alltag.
Reichweite und Bandbreite von OS2
OS2-Fasern ermöglichen problemlos 10 km und mehr pro Segment ohne Verstärker. Aktuelle Transceiver-Standards wie 100GBASE-LR4 oder 400GBASE-LR4 nutzen OS2 standardmäßig. Höhere Geschwindigkeiten erschließen Sie später durch neue Transceiver, nicht durch eine neue Faser: Das macht OS2 zur zukunftssichersten Verkabelungsinvestition für Unternehmensnetze.
Typische Einsatzbereiche
OS2 ist gesetzt für Gebäudeverbindungen auf dem Campus, für WAN-Übergabepunkte und Carrier-Anschlüsse sowie für Backbone-Strecken zwischen Produktionshallen. Sobald die Distanz 300 Meter übersteigt oder in den nächsten Jahren 25-Gbit/s-Uplinks und höher realistisch sind, ist Singlemode die richtige Wahl. Im Rechenzentrum wird OS2 ebenfalls eingesetzt, wenn Racks weit auseinanderliegen oder DWDM-Technik (Dense Wavelength Division Multiplexing) geplant ist.
Steckverbindungen und Farbcodierung
Typische Stecker für OS2 sind LC-UPC (blauer Stecker) und LC-APC (grüner Stecker). APC (Angled Physical Contact) reduziert Rückreflexionen und ist in Langstreckennetzen sowie DWDM-Anlagen Standard. SC-Varianten sind ebenfalls verbreitet, LC dominiert im aktuellen Rechenzentrum. Mischen Sie keine UPC- und APC-Verbinder auf einer Strecke: Dämpfung und Reflexionen werden sonst unkontrollierbar.
Multimode OM4 und OM5: kurze Distanzen, hohe Dichte
Multimode-Fasern existieren in mehreren Generationen (OM1 bis OM5). Heute relevant sind OM4 und OM5. OM1 und OM2 gelten als veraltet, OM3 ist in vielen Bestandsnetzen noch vorhanden, wird aber bei Neuinstallationen nicht mehr empfohlen.
OM4: der aktuelle Multimode-Standard
OM4 hat einen 50-µm-Kern mit optimiertem Gradientenindexprofil für VCSEL-Sender bei 850 nm. Die typischen Maximalreichweiten liegen bei 400 m (1-GbE), 150 m (10-GbE) und 100 m (40-GbE sowie 100-GbE nach IEEE 802.3). Das türkise Kabelmantel ist nach ISO/IEC 11801 normiert. OM4 ist preislich attraktiv und für Rechenzentrum-Inverkabelung sowie kurze Gebäudestrecken gut geeignet.
OM5: Wellenlängenmultiplex in Multimode
OM5 ist die aktuelle Weiterentwicklung mit identischem 50-µm-Kern, aber optimiert für SWDM (Short Wavelength Division Multiplexing): Statt eines einzigen Kanals bei 850 nm nutzt OM5 bis zu vier Kanäle (850, 880, 910 und 940 nm). Damit lassen sich über zwei Fasern 100 Gbit/s mit BiDi-Transceivern übertragen, wo OM4 acht Fasern für 100-GbE via QSFP28 SR4 benötigt. Das gelbgrüne Kabelmantel unterscheidet OM5 von OM4. OM5 ist abwärtskompatibel zu OM4-Transceivern.
Wann OM4, wann OM5?
Für klassische Serverraumverkabelung bis 100 m ist OM4 wirtschaftlich und ausreichend. OM5 lohnt sich, wenn hohe Portdichten und 100-GbE-Uplinks mit minimaler Faserzahl geplant sind oder wenn MPO/MTP-Trunkkabel die Faseranzahl begrenzen. Im normalen Unternehmensrechenzentrum unter 150 m Reichweite ist der Vorteil gegenüber OM4 im Alltag meist marginal.
OS2, OM4 und OM5 im direkten Vergleich
Die wichtigsten Kenngrößen auf einen Blick:
- Kerndurchmesser: OS2 = 9 µm, OM4 = 50 µm, OM5 = 50 µm
- Kabelmantelfarbe: OS2 = gelb, OM4 = aqua, OM5 = gelbgrün
- Sendertechnik: OS2 = Laser bei 1310/1550 nm, OM4/OM5 = VCSEL bei 850 nm (OM5 auch 880/910/940 nm)
- Maximalreichweite bei 10 GbE: OS2 = 10 km, OM4 = 150 m, OM5 = 150 m
- Maximalreichweite bei 100 GbE: OS2 = 10 km, OM4 = 100 m, OM5 = 150 m (SWDM BiDi)
- Typischer Einsatz: OS2 = Gebäudeverbindung, WAN, Campus. OM4/OM5 = Rechenzentrum, Serverraum, kurze Backbone-Segmente
- Komponentenkosten: Multimode-Transceiver günstiger, Fasermaterial vergleichbar
| Eigenschaft | OS2 (Singlemode) | OM4 (Multimode) | OM5 (Multimode) |
|---|---|---|---|
| Kerndurchmesser | 9 µm | 50 µm | 50 µm |
| Kabelmantelfarbe | gelb | aqua | gelbgrün |
| Sendertechnik | Laser bei 1310 / 1550 nm | VCSEL bei 850 nm | VCSEL bei 850 bis 940 nm (SWDM) |
| Reichweite bei 10 GbE | bis 10 km | bis 150 m | bis 150 m |
| Reichweite bei 100 GbE | bis 10 km | bis 100 m | bis 150 m (SWDM BiDi) |
| Typischer Einsatz | Gebäudeverbindung, WAN, Campus | Rechenzentrum, Serverraum | hohe Portdichte, 100-GbE-Uplinks |
| Komponentenkosten | Transceiver teurer | Transceiver günstig | Transceiver günstig |
Die richtige Wahl für Ihre Infrastruktur
In der Praxis lautet die Frage selten "Singlemode oder Multimode generell", sondern: Was soll diese konkrete Strecke leisten?
Distanz als erster Entscheidungsfilter
Überschreitet eine Strecke 300 Meter oder verbindet sie separate Gebäude, ist OS2 gesetzt. Multimode scheidet hier physikalisch aus. Für Strecken unter 100 Metern im selben Gebäude sind OM4 oder OM5 sinnvoll, solange die Bandbreitenanforderungen innerhalb der Normwerte bleiben.
Bandbreite und Planungshorizont
Wer heute 10 GbE installiert, aber in drei bis fünf Jahren auf 25 GbE oder 100 GbE skalieren will, sollte OS2 planen. Der Transceiver-Tausch später kostet weniger als eine neue Verkabelung. Für reine Rechenzentrum-Inverkabelung mit klarer Reichweite unter 100 m kann OM4 wirtschaftlicher sein, wenn DWDM-Anforderungen nicht absehbar sind.
Hybrid-Installationen: OS2 und OM4 nebeneinander
In vielen Unternehmensnetzen findet sich ein Mix: OS2 im Backbone zwischen Gebäuden und Etagen, OM4 intern im Serverraum für kurze Patchstrecken und direkten Serveranschluss. Das ist technisch sauber, solange die Grenzen klar dokumentiert sind und Transceiver sowie Stecker nicht unabsichtlich gemischt werden. baconnect plant und dokumentiert solche Hybrid-Topologien normgerecht nach EN 50173.